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Im Interview mit Venues

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von Jana Treptow

„It’s okay not to be okay“

Am 7. Juli veröffentlichte die Post-Hardcore-Band Venues ihre neue Single „Reflections“. Trotz ihres bunten Festival-Sommers nahmen sich Lela und Robin einen kurzen Augenblick Zeit, um mit unserer Redakteurin Jana über ihre Erlebnisse in der Corona-Zeit, die heilende Wirkung von Musik und ihre kommende Show auf dem Rocken-Hilft-Festival zu sprechen.

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Foto: Michelle Klein
 

Wie würdet ihr euch und eure Musik beschreiben?

Lela: Wir sind Venues aus Stuttgart und machen Musik zwischen Post-Hardcore, Metalcore und Modern Metal.

Was wollt ihr mit eurer Musik vermitteln?

Lela: Inhaltlich kommt es immer ganz auf das Album oder den Song an, weil jedes und jeder immer ganz unterschiedliche Themen transportiert. Wir machen Musik, weil wir generell die Themen teilen möchten, die uns gerade beschäftigen, auf dem Herzen liegen oder die es wert sind, angesprochen zu werden. Dafür ist Musik einfach ein sehr gutes Sprachrohr. Deshalb haben wir uns auch nicht auf bestimmte Themen spezialisiert, sondern wollen generell die Chance nutzen, dass unsere Stimmen gehört werden.

Wie geht es euch nach zwei Jahren Corona? Habt ihr während der Zeit Shows spielen können?

Robin: Ich glaube, wir gehören zu den Bands, die noch ganz schön Glück hatten. Denn selbst im letzten Jahr haben wir noch sechs Shows spielen können. Angefangen mit Streaming-Shows, einer Show, bei der alle sitzen mussten, dem Festival Baden in Blut, bei dem die Leute Maske trugen bis hin zu den normalen Festivals mit einfach weniger Leuten. Das größte, das wir in der Zeit gespielt haben, war das Rock for People in Tschechien vor knapp 6.000 Leuten, weil das Land zu dem Zeitpunkt einfach schon weiter war als Deutschland. Die einzige Bedingung dort war, dass jeder getestet ist. Dementsprechend dürfen wir eigentlich gar nicht klagen, was das letzte Jahr betrifft. Klar war es schon ärgerlich, dass wir zwei unserer Touren nicht spielen konnten. Aber alles in allem zählen wir uns zu den Bands, die echt noch ganz gut davongekommen sind.

Hat euch Corona als Band in irgendeiner Art beeinflusst?

Lela: Auf jeden Fall. Ich glaube, Corona ging an niemandem spurlos vorbei. Uns als Band hat es irgendwie näher zusammengebracht, obwohl es uns im ersten Moment voneinander distanzierte, weil wir nicht mehr proben konnten. Alles in allem hat es uns aber zusammengeschweißt. Wenn wir gequatscht haben, wurden die Themen tiefer und als alles langsam wieder ins Rollen kam und wir im Studio waren, fühlte es sich ein bisschen an wie ein Familienurlaub. Da der „Standard-Bandalltag“ von jetzt auf gleich nicht mehr existierte, bekamen die persönlichen Treffen einen ganz anderen Stellenwert und machten sie auf einmal ziemlich wertvoll.

Welche Spuren hat Corona bei euch persönlich hinterlassen?

Lela: Mich hat Corona positiv beeinflusst, auch wenn die ganze Situation am Anfang ziemlich schwierig war. Sich von jetzt auf gleich zu isolieren und keine Leute mehr zu treffen, ist einfach nicht so schön. Relativ am Anfang der Pandemie gab ich auch meinen Job in der Veranstaltungsbranche auf und hatte auf einmal viel Zeit. Da ich in einem Wohnmobil lebe, konnte ich auf einmal richtig aufleben, viel unterwegs sein, viel lernen und mich mit mir beschäftigen. Im Endeffekt war es für mich deshalb eher positiv als negativ. Ich glaube auch, dass es der Menschheit ganz guttat, ein bisschen zu entschleunigen und innezuhalten.

Robin: Bei mir war es ähnlich. Ich fand die Anfangszeit sehr angenehm, weil eine krasse Entschleunigung stattfand, die man überall merkte. Ich arbeite für ein Plattenlabel. Als die Lockdown-Phase begann, nahm sie echt ein bisschen Hektik aus dem Arbeitsalltag, weil die Bands nicht mehr auf Tour waren und keine Festivals spielten. Dafür hat mein Job allerdings an Fahrt aufgenommen, weil Bands, Management und Partner plötzlich viel Zeit hatten. So kamen sie mit vielen Ideen und jeder Menge Arbeit um die Ecke. Anstatt auf Konzerten und Festivals die Resultate meiner Arbeit zu sehen und zu spüren, saß ich vermehrt am Schreibtisch, was ich sehr schade fand. Privat habe ich das Gefühl, dass mein ganzer Freundeskreis ein bisschen eingeschlafen ist. Ich dachte immer, dass man nach Corona dort weiter macht, wo man aufgehört hat. Aber irgendwie scheinen die Leute verlernt zu haben, sich zu treffen. Gemeinsame Treffen zu organisieren, sind deshalb im Moment noch ein großer Kraftakt.

Wie kam es zu eurem Engagement bei Rocken Hilft?

Robin: Wir wurden von Rocken Hilft angefragt, ob wir nicht Bock hätten, bei ihrem Festival zu spielen. Sie erzählten uns, wofür sie sich engagieren und was ihre Message ist. Relativ schnell wurde uns klar, dass die Initiative eine coole Aktion ist, die wir gerne mit unserem Engagement unterstützen möchten. Da auch viele befreundete Bands von uns auf dem Festival spielen, wird das ein supercooles Event. Ich persönlich finde das Line-up auch richtig stark, weshalb das Rocken-Hilft-Festival auf jeden Fall einen Besuch wert ist.

Welche Rolle spielt eure Musik, um mentale Tiefpunkte zu überwinden?

Lela: Ich glaube, dass Musik vielen von uns auf irgendeine Art und Weise geholfen hat – vor allem in Phasen, in denen es uns nicht so gut ging. Sei es aus der Sicht eines Musikers, wenn er sich Belastendes von der Seele schreibt oder als Hörer. Ich habe selbst oft genug traurige Lieder gehört – und wurde dadurch noch trauriger. Aber ich denke, dass Musik einfach auch eine heilende Funktion hat. Wenn man traurig ist, traurige Songs hört und dabei weint oder laut mitsingt, ist das ein super Ventil, um Geschehenes zu verarbeiten. Deshalb kann Musik einen nur dabei unterstützen, wenn man sich in einer depressiven Phase befindet. Beim Schreiben unserer Musik achten wir oft darauf, unsere Texte relativ offen zu halten, damit viel Raum für Interpretationen bleibt. Denn jeder soll die Möglichkeit haben, unsere Texte auf seine Art zu interpretieren.  

Das Genre ist ja sehr stark von düsteren und melancholischen Texten geprägt. Welchen Beitrag glaubt ihr als Band leisten zu können, um der Entstigmatisierung entgegenzuwirken?

Robin: Das ist die Crux in der Szene. Viele Songs des Genres behandeln düstere Themen wie Depressionen, Ängste und weitere psychische und mentale Erkrankungen. Richtig straight außerhalb der Songs darüber gequatscht wird jedoch in den seltensten Fällen, weshalb das Tabu-Thema weiterhin bestehen bleibt. Wobei ich das Gefühl habe, dass dort gerade ein Wandel stattfindet: Viele Bands beginnen, einen Save-Space entstehen zu lassen, indem sie über ihre Ängste und Sorgen sprechen und so versuchen, ihrem Publikum zu vermitteln, dass alles cool ist, wenn es einem nicht gut geht und sein Leid mit anderen teilt. Das machen viele Bands schon sehr gut – gerade wie mit so Aktionen wie beim Rocken Hilft-Festival. Allein schon dort zu spielen und die Message zu verbreiten, trägt schon sehr zur Endstigmatisierung bei. Nicht nur wir, sondern auch viele befreundete und größere Bands, tragen mit ihren Ansprachen auf der Bühne dazu bei, dass mentale Gesundheit und die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen immer wieder thematisiert wird. Ebenso, wenn sich ein Musiker dazu entscheidet, sich das Leben zu nehmen. Wir als Band können da auf jeden Fall unseren Teil dazu beitragen und supporten das Thema, so gut es uns möglich ist.

Lela: Ich habe das Gefühl tatsächlich auch. Wir sehen uns als Band da auch in der Vermittlerrolle, den Menschen da draußen zu sagen: „It’s okay not to be okay“ und ihnen zu vermitteln, dass es echt in Ordnung ist, wenn es einem manchmal schlecht geht.

Kommen auch mal Leute auf euch zu und erzählen, dass eure Musik sie in schweren Zeiten begleitet?

Robin: Besonders auf Instagram erreichen uns immer wieder Nachrichten von Leuten, die uns berichten, dass ihnen unsere Musik hilft, mit Dingen fertig zu werden. Ich erinnere mich an eine Nachricht eines Amerikaners, der uns erzählte, dass er sein Job verlor und sein Haus abbrannte. Er schrieb uns, dass er unser Album in Dauerschleife hört und sich für unsere Musik und die Power, die er da rausziehen kann, bedanken möchte. Das ist eine Nachricht, die mir einfach im Kopf geblieben ist. Es ist schön zu erleben, dass wir mit unserer Musik mehr Impact haben, als wir uns manchmal selbst eingestehen

Lela: Ich bin auch wahnsinnig dankbar für solche Nachrichten, weil sie uns einfach in unserem Tun bestätigen. Den Menschen mit unserer Musik so viel geben zu können, macht uns als Band einfach mega glücklich.

Plaudert doch nochmal ein bisschen aus dem Nähkästchen: Was hält die zweite Jahreshälfte noch so für euch bereit?

Robin: Unser zweites Album, das wir während Corona geschrieben, recordet und produziert haben, kam letztes Jahr im August raus. Seitdem scheiben wir auch fleißig an neuem Material. Die erste Single unserer neuen Songs erschien am 7. Juli und heißt „Reflections“. Außerdem sind wir mittendrin im Festival-Sommer – und planen gerade unsere Tour für Ende des Jahres. Denn wir haben die Ehre, eine größere Band zu supporten, die vorerst aber noch geheim bleibt. Die Vorfreude ist riesig, trotzdem bangen wir aber noch, ob die Tour tatsächlich stattfinden kann oder doch wieder kurzfristig abgesagt werden muss. Wir hoffen einfach das Beste – und freuen uns auf jeden Fall auf unsere Show beim Rocken-Hilft-Festival.

Zum Schluss habe ich euch einen kleinen Kreativitätstest mitgebracht:

ROCKEN HILFT, weil…

Robin: ...einem ein Dancefloor geboten wird, komplett frei von irgendwelchen Unsicherheiten.

Das ist eine Anspielung auf den Song „Get Fighted“ von Alexisonfire. Die Lyrics aus dem Song sind mir bis heute im Kopf geblieben: „My greatest gift to you is a dance floor free from insecurity“. Die Line besagt, dass die Band ihren Fans bei ihren Shows einen Raum gibt, sie selbst zu sein – frei von irgendwelchen Hindernissen. Die Botschaft fand ich damals schon gut und finde es noch heute.

Lela: …Musik oft das ausdrücken kann, was man sonst in sich hinein fressen würde.

ROCKEN HILFT, weil…

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